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Interview mit Prof. Henning Vöpel (HWWI): "Diese Krise ist auch eine Chance"

Bund der Steuerzahler Hamburg e. V. / Meldungen 01.05.2020

Nicht nur in Corona-Zeiten gilt Prof. Dr. Henning Vöpel, Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, als einer der gefragtesten Wirtschaftswissenschaftler. Für ein ausführliches Gespräch mit dem Nord-Kurier hat er sich dennoch Zeit genommen.

Herr Prof. Vöpel, zunächst eine persönliche Frage: Wie sind Sie bislang durch die Coronakrise gekommen?

Bislang ganz gut. Am Anfang des Shutdowns war ich noch im Ausland auf Vortragsreise. Es ist schon eine bizarre Situation, aber mittlerweile hat man sich daran gewöhnt. Das Leben und der Alltag haben sich schon verändert, aber in einigen Punkten auch zum Besseren. Ich habe den Eindruck, sogar kreativer und produktiver sein zu können als sonst. 

Sehnen Sie sich nach der Zeit und den Gewohnheiten vor Corona oder glauben Sie, dass Sie auch einige neu gewonnene Gewohnheiten aus der Krisenzeit mit in die Nach-Krisenzeit nehmen werden?

Beides. Natürlich sehnt man sich nach Normalität zurück, nach den spontanen Begegnungen, Zufälligkeiten und Kleinigkeiten, den Emotionen des Alltags. Dennoch hoffe ich, dass wir nicht in die alten Muster zurückfallen, wenn die Krise mal vorbei sein wird. Die Krise ist eine Chance, viele Dinge, die wir unreflektiert akzeptiert haben, zu hinterfragen und mit einem anderen Bewusstsein und einer anderen Wahrnehmung zu verändern.

Schauen wir auf die Hamburger Politik. Hat der Senat die Stadt Ihrer Meinung nach gut durch die Krise gesteuert?

Im Wesentlichen schon. Man darf nicht vergessen, dass niemand auf Erfahrungen im Umgang mit solchen Situationen zurückgreifen kann. Die Politik ist mit einem großen Maß an Unsicherheit und unvollständigem Wissen konfrontiert und muss unter diesen Bedingungen dennoch kluge Entscheidungen treffen. Gut war die schnelle Hilfe durch einen Hamburger Schutzschirm. In einigen Bereichen hätte man sicherlich auch noch schneller reagieren können.   

Und wie beurteilen Sie die Arbeit der Bundesregierung?

Sehr ähnlich. Die Hilfspakete kamen sehr schnell. Aber auch hier hätte man in der Bereitstellung von Masken, Schutzkleidung und Tests sicherlich mehr machen können.

Sind die aktuell vorhandenen Instrumente von Staatshilfen ausreichend?

Nein. Schon bald werden Kredite, Bürgschaften und Kurzarbeitergeld nicht mehr geeignet sein, die Situation zu überbrücken. Denn wahrscheinlich müssen wir mit längeren und wiederholten Einschränkungen rechnen. Dann werden wir über ganz andere Instrumente reden müssen.

Können Sie bereits abschätzen, wie groß der wirtschaftliche Schaden durch Corona sein wird? Einige Institute gehen ja davon aus, dass sich die Wirtschaft im nächsten Jahr wieder erholen wird.

Viele sind zu Beginn von einem V ausgegangen, also einem schnellen Rückgang und einer schnellen Erholung. Ich denke, es wird eher ein langes U, vielleicht sogar ein L. Das würde bedeuten, dass wir auf einen niedrigeren Wachstumspfad zurückkehren, falls es zu einer Insolvenzwelle kommt. Vor allem drohen Folgekrisen, etwa eine Staatsschuldenkrise und Probleme bei den Banken. Man darf nicht vergessen, dass die Krise global ist und die Absatzmärkte und Lieferketten wohl länger massiv gestört bleiben werden. Vorsichtig geschätzt würde ich derzeit von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von rund fünf bis acht Prozent ausgehen und im nächsten Jahr von einer Erholung zwischen drei und sechs Prozent.

Es ist kein Geheimnis, dass die Stadt Hamburg und auch der Bund in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen europäischen Städten und Ländern gut gewirtschaftet haben. Hat sich dies in der Krise nun ausgezahlt vor dem Hintergrund enormer finanzieller Spielräume?

Ja, ganz bestimmt. Das betrifft zumindest die finanzielle Verkraftbarkeit der Krise. Die realwirtschaftlichen Kosten der Krise werden dennoch enorm sein. Der Ausfall von Produktion und damit von Einkommen stellen reale Kosten dar, die wir derzeit trotz aller Hilfen und Transfers tragen müssen.

Insbesondere der Ausfall von Einkommen wird die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen verstärkt in den Fokus rücken. Wie stehen Sie zu diesem Konzept?

Ich bin sonst kein Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens, weil ich das Leistungsprinzip für essentiell in einer solidarischen Gesellschaft halte. Wenn aber Kurzarbeitergeld, Kredite und Bürgschaften demnächst nicht mehr greifen, werden wir uns über Formen und Instrumente der Grundsicherung neu unterhalten müssen, dazu gehört dann auch ein temporäres coronabedingtes Grundeinkommen. Immerhin untersagt der Staat vielen Menschen, ihrer Arbeit nachzugehen, was ein harter Eingriff ist.

Ein Thema, welches durch Corona stark in den Fokus geraten ist, ist die Digitalisierung. Wie glauben Sie, wird sich die Arbeitswelt nach der Krise verändern?

Ich bin zuversichtlich, dass die Akzeptanz für eine neue Arbeitswelt gestiegen ist. Alle sehen: Eine andere Arbeitswelt ist möglich und sie tut nicht weh, sondern sie kann sogar produktiver sein. Wir sehen jetzt schon, dass jene Unternehmen, die in der Digitalisierung weiter sind, in der Krise besser zurechtkommen und vermutlich nach der Krise schneller wieder starten werden. 

Könnte Corona für die Bundesrepublik gar der Startschuss für die lange ersehnte Aufholjagd in Sachen Digitalisierung werden?

Für die Wirtschaft vielleicht, was die Politik betrifft, bin ich da eher skeptisch. Ich finde, dass diese jetzt in der Krise nicht sehr gut darin ist, die digitalen Möglichkeiten wirklich konsequent zu nutzen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Es dauerte sehr lange, bis etwa die Tracing-App auf den Weg gebracht worden ist. Auch in der Verwaltung oder in den Schulen gibt es in der Krise kaum digitale Ausweichmöglichkeiten.  

Lassen Sie uns noch einen Blick auf die internationalen Folgen der Coronakrise werfen. Wird die wirtschaftliche Vormachtstellung Deutschlands innerhalb Europas durch die Krise gestärkt oder eher geschwächt?

Eher gestärkt, denn es zeichnet sich ab, dass die Coronakrise zwar ein sogenannter symmetrischer Schock ist, die Auswirkungen jedoch sehr asymmetrisch sein werden. Denken Sie an Italien oder Spanien im Vergleich zu Deutschland. Die Konsequenz wird sein, dass die Rolle und Verantwortung Deutschlands für ein stabiles und solidarisches Europa stärker werden wird.

Die EU steckte schon vor Corona in einer Sinnkrise und in den vergangenen Wochen wirkte sie gar wie ein zahnloser Tiger. Wird sie sich neu erfinden müssen?

Ja, unbedingt. Die Krise wäre eine Chance für Europa gewesen, Handlungsfähigkeit und Solidarität zu beweisen und den Menschen zu zeigen, dass Europa für sie ein Vorteil gerade in Krisen ist. Stattdessen gab es überall unterschiedliche nationale Strategien, wo eigentlich mehr Kooperation und Koordination nötig gewesen wäre. Immerhin hat man sich nun doch auf ein großes Hilfspaket und auf ein gemeinsames Wiederaufbauprogramm für die Zeit nach der Krise einigen können. Trotzdem hat Europa wohl nicht an Vertrauen bei den Menschen gewinnen können.  

Und wird sich Europa insgesamt nach Corona mehr abschotten oder gar abschotten müssen?

Die Globalisierung steht auf dem Spiel und mit ihr die internationale Arbeitsteilung, die vielen Menschen auf der Welt geholfen hat, sich aus der Armut zu befreien. Daher wäre Abschottung falsch. Es geht vielmehr um eine neue Ordnung und Governance der Globalisierung. Und da kann und muss Europa eine wichtige Rolle spielen, gerade in Bezug auf die geopolitischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und China oder in Bezug auf Afrika, wo die Lösungen für viele zukünftige Herausforderungen liegen, das nun aber durch die Krise womöglich sehr gebeutelt werden wird.   

Also sehen Sie nicht das Ende, sondern lediglich einen Dämpfer für die Globalisierung?

Ja. Es ist ein Dämpfer, aber einer, der die ohnehin stattfindenden gefährlichen Entwicklungen verschärfen und beschleunigen könnte. Schon viel länger reden wir ja von Re-Nationalisierung, Protektionismus und Autarkie. Vor diesem Hintergrund muss die Zielrichtung sein, die Krise für eine Umkehr in Richtung globaler Kooperation für Nachhaltigkeit und Prosperität zu nutzen.

Herr Prof. Vöpel, vielen Dank für das Gespräch.

(Das Interview wurde im April 2020 geführt.)

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