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© Janine Bergendahl

Wir besuchen Betroffene, denen der Straßenbaubeitrag droht (Frechen)

Newsticker Nordrhein-Westfalen / Meldungen 17.07.2019, Janine Bergendahl

Wenn die Straße vor der eigenen Tür um- oder ausgebaut wird, müssen die Anlieger in NRW zahlen.

Dann werden schnell mehrere Zehntausend Euro fällig. Rentner, junge Familien, selbstständige Unternehmer – Straßenbaubeiträge können jeden treffen. Wir haben ein Ehepaar in Frechen besucht, dem genau so eine Zahlung jetzt blüht.

Wenn dich der Mut verlässt, gehst du halt alleine weiter“ – ein Blechschild mit diesem Motto hängt im Hausflur von Wolfgang Holz. Er hat in seinem Leben schon so manchen Schicksalsschlag einstecken müssen und hat sich immer wieder nach oben gekämpft. Doch am Kampf gegen den Straßenbaubeitrag beißt er sich zurzeit die Zähne aus. „Ich bewundere meinen Mann, wie er sich engagiert und kämpft, aber ich kann nicht mehr“, erzählt Heike Holz, „ich habe dafür keine Energie mehr.“ 
Seit Monaten engagiert sich Wolfgang Holz für die Volksinitiative des BdSt NRW.  Er ist aktiv in einer Interessengemeinschaft, sammelt Unterschriften, demonstriert, sucht den Dialog mit Politikern und Nachbarn. „Ich stehe gerne in der ersten Reihe und mach meine Klappe auf. Wir müssen uns Gehör verschaffen.“ Als Nächstes plant er mit seinen Mitstreitern eine Podiumsdiskussion mit den Landtagsabgeordneten aller Fraktionen aus dem Erftkreis. 

Ein Häuschen mit Hindernissen

1984 hat das Paar auf der Rosmarstraße in Frechen gebaut. Die Straße geht steil bergauf, und die Tonschichten im Erdboden erschwerten damals die Bauarbeiten. Wenn die Bagger eine Schaufel voll hatten, lief das Loch sofort wieder voll. „Der Boden hier ist wie Pudding, weil das Wasser durch die  Tonschicht nicht ablaufen kann und sich oberhalb staut“, erzählt Wolfgang Holz. Und wenn so ein „Pudding“ aus Löss-Lehm-Gemisch in Bewegung gerät, dann ist er schwer zu stoppen. „Den Nachbarn links ist durch unsere Bauarbeiten die halbe Terrasse abgesackt, den Nachbarn rechts versank der Garten.“ Das zahlte damals keine Versicherung, Wolfgang Holz kam für alles auf: „Zum Glück haben wir ganz tolle Nachbarn, die Verständnis hatten, und zu denen wir immer noch ein super Verhältnis haben.“ Durch diese widrigen Anfänge wurde der Hausbau von Familie Holz 150.000 D-Mark teurer als zuvor kalkuliert. „Ich stand vom ersten Moment an finanziell mit dem Rücken zur Wand. Wenn ich das nicht durch viel Eigenleistung hätte auffangen können, wäre der Traum vom eigenen Haus da schon ausgeträumt gewesen.“ Über 50 Kubikmeter Beton und sechs Tonnen Eisen wurden in der Bodenplatte versenkt, um ein stabiles Fundament zu bekommen. 

1986 konnte das Ehepaar einziehen. Ein langwieriger Rechtsstreit mit dem Architekten und dem Ausschachter kostete die beiden wieder viel Kraft und Geld. 1989 kam dann der erste gemeinsame Sohn zur Welt und schon bald stellte sich heraus, dass er Asperger-Autist ist. „Für mich war klar, dass ich ab da nicht mehr arbeiten würde und meine ganze Kraft in die Pflege meines Sohnes investieren möchte“, erzählt Heike Holz. So musste die Familie mit einem Gehalt auskommen, Wolfgang Holz arbeitete als Buchhalter bei RWE. Auch die Therapie des Sohnes kostete viel Geld, das so nicht eingeplant war. „Wir hatten viele Jahre ganz schön zu knabbern. Große Urlaube gab es kaum, wir mussten immer haushalten.“ Gesundheitlich hat all das Spuren hinterlassen: Heike Holz leidet an einer Auto-Immun-Krankheit, bei ihrem Mann wurde Parkinson diagnostiziert. Dann wurde Wolfgang Holz auch noch ein Ablösevertrag von seinem Arbeitgeber angeboten, der ebenfalls finanzielle Einbußen bedeutete. 

Neue Schulden

Im Januar 2019 konnte er endlich die letzte Rate für sein Haus abbezahlen, sein jüngerer Sohn ist gerade fertig mit seinem Studium. „Jetzt wäre die Zeit, alles zu genießen und etwas unbeschwerter zu leben. Durch die Straßenbaubeiträge müssen wir aber wieder zurückstecken. Und seien wir mal ehrlich, die Banken machen mit mir 62-Jährigem auch keine großen Sprünge mehr.“ Auf 11.000 Euro beläuft sich die vorläufige Kostenschätzung der Stadt. „Da glaub ich aber schon lange nicht mehr dran. Die Bauverzögerung wird zu Buche schlagen, und die neuen Wasserleitungen  waren auch in der Kalkulation nicht berücksichigt.“ Trotz des Einsatzes von Spezialgeräten brachen die alten Rohre und mussten schließlich neu verlegt werden. Auch die Einfahrt von Familie Holz wurde dafür geöffnet und ihr Pflaster wieder neu verlegt. „Diese ganzen zusätzlichen Maßnahmen kosten extra – ich gehe mittlerweile davon aus, dass ich 18.000 Euro zahlen muss.“  
Seit Dezember 2017 sind die Bauarbeiter zugange, das bedeutet Staub, Schmutz und Lärm für die Anwohner. „Und wenn sie fertig sind, bleibt für uns die bange Frage: ‚Welche Auswirkungen hat die neue Straße ohne Tonschicht auf unsere am Hang gelegenen Häuser?‘.“ Familie Holz befürchtet, dass das Wasser, das sich bisher in den Hängen staut, nun unter der modernisierten Straße abfließen kann. Es könnten so Risse entstehen, schlimmstenfalls können die Häuser absacken. Doch auch daran hat Wolfgang Holz gedacht und mit seinen Mitstreitern der Bürgerinitiative einen Sachverständigen aus Bad Honnef engagiert. „Prof. Hüster geht mit uns zusammen zur Stadt, und dann lassen wir uns erklären, wie das funktionieren soll.“ Bezahlt wird der Experte aus eigener Tasche. „Wenn man so viel Mist mit einem Haus erlebt, dann hängt das Herz dran.“

(Foto: Janine Bergendahl)

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