EXPO 2035 Berlin
Chance oder Milliardenrisiko?
Bei der Frage, ob sich Berlin um die Austragung der EXPO 2035 bewerben soll, ist die Stadt gespalten. Befürworter verweisen auf angebliche Wachstumseffekte. Kritiker erinnern an die gefloppte EXPO 2000 in Hannover, die mit einem Milliardendefizit zulasten der öffentlichen Hand abschloss. In den Medien gehen derweil die Zahlen durcheinander. Der Bund der Steuerzahler Berlin hat sich den Businessplan für die geplante Großveranstaltung genauer angesehen und mit dem CEO der EXPO 2035 Berlin GmbH gesprochen.
In einer sehr hochwertig gemachten Broschüre mit der Einladung zu einer Weltausstellung in Berlin richtet sich der sich der Aufsichtsratsvorsitzende der EXPO 2035 GmbH und ehemalige Berliner IHK-Präsident, Daniel-Jan Girl, gendergerecht an Visionär:innen, Gestalter:innen und Partner:innen: „Die EXPO 2035 bietet Europa mit Deutschland die einmalige Chance, Zukunft nicht nur zu zeigen, sondern sie zu bauen: Als Investition in Infrastruktur, Innovation und globale Wettbewerbsfähigkeit.“ Viele schöne Bilder und positiv besetzte Marketing-Schlagworte sollen Lust auf eine Weltausstellung im Berlin des Jahres 2035 machen. Viel Konkretes lässt sich aus den Veröffentlichungen allerdings nicht herauslesen. Der Bund der Steuerzahler hat sich die Unterlagen der Initiatoren angesehen, durchgerechnet und mit dem CEO der EXPO 2035 Berlin GmbH, Henning Wehmeyer, über die derzeitige politische Stimmung in Berlin für eine Bewerbung und die Risiken für die öffentliche Hand gesprochen.
Milliarden-Ereignis
Die EXPO-Macher gehen von Umsatzerlösen von 2,1 Milliarden Euro direkt auf Ebene des Veranstalters aus. Darin enthalten ist allein eine Milliarde Euro aus dem Verkauf von 30 Millionen Besuchertickets. Der Rest soll mit Sponsoring, Lizenzen und Veranstaltungen eingenommen werden. Dem sollen Ausgaben von insgesamt 2,09 Milliarden Euro u.a. für den Bau und Betrieb der Veranstaltungsorte, Verwaltung und Marketing gegenüberstehen. Bei einem geschätzten Plus von gerade einmal 10 Millionen Euro würde sich die EXPO für sich betrachtet somit ganz knapp rechnen.
Kleines Plus oder Riesenminus
Allerdings wird auf eine Unsicherheitsspanne von plus minus 20 Prozent sowohl bei den Einnahmen als auch den Ausgaben hingewiesen. Alle Zahlen seien grobe Schätzungen, heißt es im EXPO-Businessplan. Für den Bund der Steuerzahler heißt das im Extremfall allerdings, dass sich die Schere selbst schon nach der Prognose der Macher auch auf ein Defizit von 840 Millionen Euro öffnen könnte, wenn die Kosten explodieren und Besucher ausbleiben.
Finanzierung
Da der Großteil der Ausgaben in den Jahren vor 2035 anfallen würde, die Einnahmen jedoch hauptsächlich ab 2035 fließen würden, sei ein Finanzierungskonzept erforderlich, heißt es in dem Businessplan weiter. Als mögliche Optionen nennt das Papier Darlehen, die z.B. durch Bürgschaften der Bundesregierung abgesichert werden sollen.
Wer die Musik bestellt, zahlt!
In dem Konzept ist auch die Durchführung von 36 Konzerten mit Weltstars angedacht. Pro Konzert wird mit dem Verkauf 70.000 Ticket zu Preisen von 200 Euro kalkuliert. Insgesamt soll so über eine halbe Milliarde Euro Umsatz generiert werden. Als Vorbild nennt der Businessplan die Sängerin Adele, die 2024 in München zehn Konzerte vor insgesamt 730.000 Zuschauern gab.
Der Bund der Steuerzahler ist trotzdem skeptisch, ob man innerhalb von einem halben Jahr in Berlin zusätzlich 36 Konzerte mit Besucherzahlen im Umfang von jeweils einem komplett ausverkaufen Olympiastadion platzieren kann. Eine weitere Frage ist, warum der Staat mit Bürgschaften Unterhaltungskonzerte für in Summe gut 2,5 Millionen Zuschauer absichern soll und was das überhaupt mit den Kernbotschaften einer Weltausstallung zu tun hat. Staatsaufgabe ist das jedenfalls nicht.
EXPOnentieller Nahverkehrsausbau?
Keine genauen Prognosen macht der Businessplan hinsichtlich der erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur, die zusätzlich erforderlich und durch den Steuerzahler zu tragen wären. Diese seien sehr stark konzeptabhängig und könnten je nach gewählten Verkehrskonzept erheblich variieren.
Genannt werden Zahlen von 200 Millionen Euro für die Anbindung mit der Straßenbahn und 1,2 Milliarden für einen U-Bahnanschluss. An einer Stelle wird jedoch eine Zahl von vier Milliarden Euro an finanzieller Unterstützung für Infrastruktur- und Betriebsausgaben genannt. Da zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch unklar ist, ob eine EXPO z.B. auf dem ehemaligen Gelände des Flughafens Tegel oder sogar außerhalb Berlins nahe dem BER stattfinden soll. In ihrer Werbung versprechen die Initiatoren jedenfalls neue und ausgebaute Öffis zur EXPO 2035.

Der Bund der Steuerzahler hält Infrastrukturausgaben ohnehin für eine staatliche Kernaufgabe, für die es keine Weltausstellung als Anlass braucht. Die ÖPNV-Anbindung eines EXPO-Geländes, das später vielleicht zu einer Brache wird, wäre eher eine Fehlallokation von knappen Ressourcen. Zudem wäre der Zeitrahmen für die erforderlichen Planfeststellungsverfahren äußerst ambitioniert.
Behauptete BIP-Effekte
Der Businessplan für die EXPO 2035 Berlin schätzt die erreichbaren Effekte auf das Bruttoinlandprodukt auf bundesweit insgesamt bis zu 21 Milliarden Euro, davon 10 Milliarden Euro in Berlin. Dekoriert ist die Zusammenstellung mit den Logos der Investitionsbank Berlin und PricewaterhouseCoopers, einer der weltweit führenden Prüfungs- und Beratungsgesellschaften.
Alexander Kraus, Vorsitzender des Bundes der Steuerzahler Berlin und selbst Diplom-Volkswirt, hat sich die Zahlen kritisch angesehen und hält diese für wenig überzeugend. Unter anderem werden Konsumausgaben der EXPO-Besucher von 8,6 Milliarden Euro in Deutschland, davon alleine vier Milliarden in Berlin für Hotels, Verpflegung, Eintrittspreise, Bahn- und Flugtickets sonstige Reiseausgaben aufgeschlüsselt. Das wären bei 30 Millionen Besuchern jeweils Ausgaben von 287 Euro. Zur Einordnung: 2025 hatte Berlin insgesamt 12,4 Millionen Gäste mit 29,4 Millionen Übernachtungen. Kraus glaubt auch nicht, dass alle EXPO-Gäste komplett zusätzlich zu den normalen Berlin-Touristen zu erwarten sind. Auch die weiteren drei Milliarden Euro an „Nachlaufeffekten“ u.a. für später nachgeholte Messen, würde Kraus nicht als zusätzliches BIP einrechnen.
Weiterhin rechnet der Businessplan 8,1 Milliarden Euro für Investitionen in das EXPO-Gelände, die Infrastruktur, private Investitionen, z.B. von Hotels für die EXPO-Zeit sowie aus den Rückflüssen der gezahlten Gehälter in den privaten Binnenkonsum. Volkswirt Kraus hält das für eine Doppelzählung: „Man kann das BIP entweder nach der Entstehungs- oder nach der Verwendungsseite betrachten oder auch alternativ nach der Verteilungsseite, aber eben nicht alles zusammenzählen.“ Kraus gibt dafür auch ein Beispiel: „Wenn ich ein Haus im Gegenwert von einer Million Euro baue, steigt das BIP um eine Million Euro, aber nicht noch einmal zusätzlich um eine Million Euro für Baumaterial und Löhne und noch eine Million, weil sich der Baumarkt und die Mitarbeiter von ihrem Verdienst noch irgendetwas kaufen.“
Ein Blick in die Vergangenheit
Ein Blick in die fernere Vergangenheit zeigt, dass eine EXPO keineswegs ein Selbstläufer sein muss. Im Jahr 2000 fand mit der EXPO Hannover schon einmal eine Weltausstellung auf deutschem Boden statt. Trotz vollmundiger Ankündigungen hatte sich das Mega-Event unter dem Motto „Mensch-Natur-Technik“ in Hannover allerdings zu einem finanziellen Desaster entwickelt.
Angesichts der von Anfang an viel zu niedrigen Besucherzahlen und erheblicher Einnahmeausfälle drohte der EXPO 2000 damals zwischenzeitlich sogar die Zahlungsunfähigkeit. Nur durch einen Zuschuss von 860 Millionen Mark durch den Bund und das Land Niedersachsen als den beiden Hauptgesellschaftern konnte damals eine Pleite abgewendet werden. Der Bund der Steuerzahler Niedersachen hatte den EXPO-Machern damals „Lug und Trug“ vorgeworfen und die EXPO 2000 die „größte Fehlkalkulation in der deutschen Geschichte“ genannt.
Statt der geplanten 40 Millionen Besucher hatten zu Eintrittspreisen von 89 Mark nur 18 Millionen Menschen den Weg zu EXPO 2000 gefunden. Medien berichteten damals im Nachgang übereinstimmend von einem Defizit von bis zu 2,4 Milliarden Mark. Wie damals mit dem Geld geaast wurde, zeigte sich auch an vermeintlichen Kleinigkeiten. So waren damals z.B. 400.000 Mark für ein mehrsekündiges EXPO-Jingle der Gruppe Kraftwerk ausgegeben worden, das die Worte „EXPO 2000“ mit elektronisch verzerrter Stimme schnarrte.
Ein Blick in die Zukunft
Genauso uneins, wie die Bevölkerung ist offenbar auch die politische Landschaft in Berlin. Während die SPD klar und die Grünen nur unter Bedingungen für eine EXPO sind, positionieren sich die Linken eher dagegen. CDU-Chef und Regierender Bürgermeister Kai Wegner hatte zunächst Vorbehalte, sieht aber mittlerweile „ein großes Potenzial“, priorisiert aber offenbar eher Schönefeld als zentralen Standort. Damit wäre dann aber auch die brandenburgische Landesregierung mit im Boot, die sich bislang aber noch nicht weiter positioniert hat. Zudem verabschiedet sich das Abgeordnetenhaus am 6. Juli in die Parlamentsferien. Ausschusssitzungen finden erst wieder ab 24. August statt. Die Abgeordnetenhauswahlen sind bereits am 20. September 2026. Mit der Vereidigung eines neuen Senats ist aber kaum vor Dezember zu rechnen. Dass eine bis dahin nur noch geschäftsführende Landesregierung über eine EXPO-Bewerbung entscheidet, wäre erstaunlich. Für die nächste Regierung wiederum – selbst unter besten Voraussetzungen – kaum noch Zeit. Die Bewerbung für eine Weltausstellung muss formell bis Ende 2026 durch die Bundesregierung erfolgen und ein detailliertes Dossier enthalten, das unter anderem das vorgeschlagene Thema, den geplanten Standort, die Infrastruktur, das Budget sowie eine Machbarkeitsstudie umfasst.
Pressenennungen zum Thema:
Bild, 24.03.2026
... Steuerzahlerbund fürchtet die Schulden - Skeptischer ist Alexander Kraus vom Steuerzahlerbund: „Ich sehe die Ambitionen Berlins auf die Olympischen Spiele und die Expo äußerst kritisch. Die erforderlichen Investitionen müssten komplett mit Krediten finanziert werden. Die Behauptung, dass das Geld wieder in den Landeshaushalt zurückfließt, folgt mehr dem Prinzip Hoffnung als einer ökonomischen Analyse.“
https://www.bild.de/politik/inland/nach-olympia-und-expo-jetzt-will-berlin-die-weltgroesste-bau-messe-ausrichten-69c140ffaf187d606b8102e0
B.Z., 24.03.2026
... Steuerzahlerbund fürchtet die Schulden - Skeptischer ist Alexander Kraus vom Steuerzahlerbund: „Ich sehe die Ambitionen Berlins auf die Olympischen Spiele und die Expo äußerst kritisch. Die erforderlichen Investitionen müssten komplett mit Krediten finanziert werden. Die Behauptung, dass das Geld wieder in den Landeshaushalt zurückfließt, folgt mehr dem Prinzip Hoffnung als einer ökonomischen Analyse.“
https://www.bz-berlin.de/berlin/jetzt-will-berlin-die-groesste-bau-messe-der-welt-ausrichten
Ihr Ansprechpartner beim
Bund der Steuerzahler Berlin e.V.
Lepsiusstr. 110
12165 Berlin

Dipl.-Volkswirt Alexander Kraus
Vorstandsvorsitzender
Tel.: 030 790107-14
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